Neulich stand ich mit einem Instandhalter unter einem Band, die Taschenlampe in der Hand, und wir schauten auf zwei Stellen im Gurt. Die eine war ein feines Netz aus Härchen, kaum tiefer als ein Kratzer. Die andere ein sauberer Spalt, der von der Bandkante her ins Innere lief. Für ihn sahen beide gleich bedrohlich aus. Dabei erzählten sie zwei ganz verschiedene Geschichten, und nur eine davon war ein Fall, der bis zum Feierabend warten durfte.

Vier Risse, vier Geschichten: die Schadensbilder
„Riss“ ist eines dieser Wörter, die im Betrieb zu viel und zu wenig sagen. Zu viel, weil alle sofort an den Totalschaden denken. Zu wenig, weil ganz unterschiedliche Schäden darunterfallen. Bevor Sie zum Telefon greifen und einen Ersatzgurt bestellen, lohnt sich ein Moment mit der Taschenlampe. Das Rissbild verrät die halbe Diagnose.
Grob sortieren sich die Fälle in vier Bilder. Die feinen Oberflächenrisse sitzen nur in der obersten Gummischicht und ziehen sich als netzartiges Muster über größere Flächen. Der Querriss läuft rechtwinklig zur Laufrichtung, meist von einer Kante her ins Band. Der Längsriss zieht sich in Laufrichtung, oft ausgelöst von einem Fremdkörper, der sich festgesetzt hat und in die Karkasse eindringt. Und dann sind da die kleinen Einstiche und Löcher, punktuelle Verletzungen von scharfkantigem Gut. Gebrochene Rollen oder zerklüftete Materialbrocken, die an der Konstruktion hängenbleiben, können all das anrichten, vom Kratzer bis zum Bruch, der die Anlage stehen lässt.
Die entscheidende Frage bei jedem Riss lautet nicht „wie schlimm sieht es aus“, sondern „wie tief geht es“. Ein Riss, der nur in der Deckplatte sitzt, ist ein anderer Fall als einer, der die Zugträger erreicht. Die Deckplatte ist Verschleiß. Die Karkasse ist Statik. Die folgende Tabelle ist der Kompass, den ich bei der Sichtprüfung im Kopf habe.
| Rissbild | So sieht es aus | Wahrscheinliche Ursache | Dringlichkeit |
|---|---|---|---|
| Oberflächenrisse | Feines, netzartiges Muster in der obersten Gummischicht, großflächig, nicht tief | Alterung durch Ozon und UV, oft schon falsche Lagerung | Beobachten, kein Sofortfall, aber ein Warnsignal für den Gurtzustand |
| Querriss | Quer zur Laufrichtung, meist von der Kante ausgehend | Mechanik: Fremdkörper, gebrochene Rolle, Überlast an einer Stelle | Hoch, sobald er sich über die Bandbreite zieht (Faustregel 25 Prozent) |
| Längsriss | In Laufrichtung, kann über viele Meter reichen | Eingeklemmter Fremdkörper, der in die Karkasse eindringt | Sehr hoch, sofort stoppen, sonst wächst er mit jeder Runde |
| Einstich oder Loch | Punktuelle Verletzung, klein, aber bis in die Karkasse möglich | Scharfkantiges oder schweres Gut an der Aufgabe | Mittel, hängt davon ab, ob die Karkasse getroffen ist |
Sie sehen schon an der letzten Spalte: Derselbe Oberbegriff steht für den ruhigen Beobachtungsfall genauso wie für den sofortigen Not-Aus. Deshalb kommt vor jeder Reparatur die Einordnung. Wer den Riss nicht liest, sondern nur flickt, repariert oft das Symptom und lässt die Ursache weiterlaufen.
Was die Ursache verrät: die mechanische Spur
Der durchgehende Riss, also der, bei dem es wirklich um die Tragfähigkeit geht, hat fast immer eine mechanische Handschrift. Irgendetwas hat den Gurt geschnitten, gequetscht oder überlastet. Die Kunst besteht darin, aus der Form des Schadens auf den Verursacher zu schließen, statt blind an der Deckplatte herumzudoktern.
Die üblichen Verdächtigen kennen Sie aus dem Betrieb. Eine gebrochene oder blockierte Rolle, die nicht mehr rund läuft, kann eine Kante regelrecht anritzen. Ein zerklüftetes Materialstück, das sich zwischen Gurt und Stahlbau verkeilt, wirkt wie ein feststehender Meißel bei jeder Umdrehung. Scharfkantiges, schweres Gut an der Aufgabe schlägt Einstiche und Kerben. Und ein Fremdkörper, der sich festsetzt und in die Karkasse eindringt, zieht den gefürchteten Längsriss, bei dem selbst ein starker, schwerer Gurt schnell auf großer Länge zerstört sein kann. Wie sich dieser Maximalschaden früh erkennen und stoppen lässt, ist ein eigenes Thema.
Zwei Beobachtungen helfen bei der Zuordnung. Sitzt der Schaden immer an derselben Stelle der Strecke, während der Gurt durchläuft, steckt die Ursache in der Anlage: eine Rolle, eine Kante, ein Klemmpunkt. Wandert er mit dem Gurtumlauf mit, sitzt er im Band selbst. Und wiederkehrende Risse an genau einer Position sind nie Zufall. Da ist ein Verursacher, der noch da ist. Dazu am Ende mehr.
Wenn nicht die Anlage schuld ist, sondern die Zeit
Die feinen Oberflächenrisse sind eine andere Baustelle. Hier hat kein Fremdkörper zugeschlagen, hier hat die Zeit gearbeitet. Gummi ist ein lebendiger Werkstoff, und er altert, ob der Gurt läuft oder nicht.
Der Treiber heißt Ozon, unterstützt von UV-Licht. Ozon erhöht den Säuregehalt an der Oberfläche des Gummis und reagiert mit dessen Molekularstruktur. Das Ergebnis sind genau diese feinen Risse an der Oberfläche, begleitet von einer spürbaren Abnahme der Zugfestigkeit. UV-Licht, egal ob aus der Sonne oder aus mancher Beleuchtung, beschleunigt das Ganze über photochemische Reaktionen, die die Oxidation der Gummioberfläche vorantreiben. Der Gummi wird spröde und verliert mechanische Festigkeit. Es ist wie bei einem alten Gummistiefel, der einen Sommer zu lange auf der Terrasse stand: Die Oberfläche wird stumpf, dann rissig, und irgendwann bricht sie beim ersten kräftigen Biegen.
Ein Wort zur Herkunft, weil die Frage in Werkstattgesprächen oft aufkommt. Manche Fachleute berichten aus Erfahrung, dass sehr billige Gurte unklarer Herkunft den Ozon- und UV-Schutz nicht immer mitbringen, den ein Markengurt mitbringt. Das ist eine Praxisbeobachtung, keine geprüfte Statistik, und über eine ganze Herkunftsregion würde ich es nicht pauschal sagen. Belastbar ist die andere Seite: Ein Gurt ist ab Werk in hohem Maße gegen Ozon und UV geschützt. Ob dieser Schutz bis zum Einbau hält, entscheidet sich weniger im Katalog als im Lager.

Der teuerste Gurt ist der, der nie gelaufen ist
Ich habe einen Ersatzgurt gesehen, der über den ganzen Sommer im Hof lag, aufrecht gestellt, in der prallen Sonne, weil in der Halle kein Platz war. Als er ein Jahr später eingebaut wurde, zeigte die Deckschicht schon feine Risse, bevor das Band je ein Gramm Material getragen hatte. Der Betrieb hatte teures Zugträgergewebe gekauft und die Standzeit gleich wieder auf den Hof gelegt. Ein Gurt gehört kühl, trocken und abgedeckt gelagert, sonst kaufen Sie Standzeit und lagern sie draußen wieder weg.
Die Lagerungsregeln sind keine Erfindung, sie stehen in einem eigenen Leitfaden und lehnen sich an ISO 5285 an. Sinnvoll ist eine Lagerung bei rund 15 Grad, höchstens 25 Grad, kühl, dunkel und vor Witterung geschützt. Wer einen Gurt bei Minusgraden gelagert hat, sollte ihn vor der Weiterverarbeitung mindestens 24 Stunden bei über 10 Grad zwischenlagern, damit er seine elastischen Eigenschaften zurückbekommt. Das klingt nach Kleinkram. Es entscheidet aber darüber, ob Sie den Gurt einbauen oder eine gealterte Rolle.
Und dann ist da noch das Ozon im Lager selbst, an das kaum jemand denkt. Nicht nur die Sonne draußen macht Ozon, auch Technik in der Halle tut es: bestimmte Leuchtstoff- und Quecksilberdampflampen, Hochfrequenzmaschinen, elektrische Funken und Entladungen. Ein Ersatzgurt, der monatelang direkt neben so einer Quelle steht, altert im Dunkeln vor sich hin. Der teuerste Gurt ist eben nicht der, der reißt. Es ist der, der altert, ohne je gelaufen zu sein.

Reparieren oder raus damit?
Steht die Diagnose, kommt die Geldfrage: flicken oder tauschen? Hier hilft ein Bild aus dem Alltag. Ein Steinschlag in der Windschutzscheibe ist reparabel, solange es ein kleiner Krater ist. Läuft der Riss erst einmal quer durch die ganze Scheibe, füllt ihn niemand mehr auf, dann kommt die Scheibe raus. Beim Gurt ist es dieselbe Logik, nur mit einer klaren Grenze.
Diese Grenze kenne ich aus einem Fall, den ich einem Betrieb ausreden musste. Er wollte einen Querriss flicken, der von der Kante quer über das halbe Band lief. Flicken bringt da nichts. Zieht sich ein Querriss über einen so großen Teil der Breite, muss der beschädigte Bereich herausgeschnitten und eine neue Verbindung gesetzt werden, sonst reißt es an derselben Stelle wieder auf. Die Grenze verläuft nicht nach Gefühl, sondern nach Ausdehnung. Als objektiver Wert gilt: Erstreckt sich ein Querriss von der Bandkante aus über 25 Prozent der Bandbreite oder mehr, ist der Punkt für die neue Naht erreicht. Darunter ist Reparatur möglich, darüber wird es ein Ausschnitt mit Neuverbindung.
Für den kleineren Fall, den sauberen Einstich oder den kurzen Riss, gibt es Zwischenlösungen, die das Band schnell wieder in den Betrieb bringen. Eine ist die Kaltvulkanisation. Eine andere sind mechanische Rissreparaturverbinder, die mit Schrauben gesetzt werden. Nach Herstellerangabe eignen sie sich für Bänder bis zu einer Dicke von rund 30 Millimetern und punkten mit schneller Montage vor Ort, niedrigen Kosten und praktisch keinem Materialverlust. Für eine schnelle, vorübergehende Instandsetzung setzt man solche Verbinder im Abstand von etwa 100 bis 150 Millimetern entlang des Risses. Ein wichtiger Vorbehalt gehört dazu, auch er stammt vom Hersteller: Diese Rissreparaturverbinder sind zum Reparieren da, nicht zum Verbinden zweier Bandenden. Wer sie zweckentfremdet, baut sich den nächsten Schaden ein.
Ein Reparaturverbinder ist eine Brücke, kein Neubau. Er bringt das Band über die Zeit bis zur geplanten Instandsetzung, er ersetzt sie nicht. Wer die Brücke für die Dauerlösung hält, steht beim nächsten Stillstand wieder am selben Riss.

Warum derselbe Riss immer wiederkommt
Der ärgerlichste Riss ist der, den Sie schon dreimal repariert haben und der trotzdem an derselben Stelle wiederkehrt. Das ist wie ein Schlagloch, das man immer wieder zuschüttet, während der Lkw jeden Tag durch dieselbe Spur fährt. Solange die Ursache steht, ist jede Reparatur nur ein Aufschub.
Wiederkehrende Risse an einer festen Position zeigen fast immer auf einen ungelösten Auslöser: eine Aufgabe, die scharfkantiges Gut immer an dieselbe Stelle wirft, einen Fremdkörper, der regelmäßig durchrutscht, oder einen Bandlauf, der den Gurt an einer Kante scheuern lässt. Bevor Sie zum vierten Mal die Klebestelle ansetzen, gehen Sie die Aufgabe und die Strecke ab. Stellen Sie erst den Auslöser ab, dann lohnt sich die Reparatur.
Der zweite Hebel ist die Materialwahl beim nächsten Gurt. Für die Reißfestigkeit von Textilfördergurten gibt es zwar eine internationale Prüfnorm, die den Ausbreitungswiderstand eines Anfangsrisses misst. Sie beschreibt aber nur, wie geprüft wird, und legt keine Mindestwerte fest. Ein Prüfzeichen allein sagt Ihnen also nicht, wie zäh der Gurt gegen Weiterreißen ist. Wichtiger ist, dass die Deckplattenqualität zum Fördergut passt: scharfkantiges, schweres Material braucht eine andere Deckplatte als feiner Sand. Welche Klassen es dafür gibt und was die Kennzeichnung im Detail bedeutet, ist ein Kapitel für sich.
- „Riss“ ist ein Sammelbegriff. Erst das Schadensbild einordnen, dann entscheiden. Die Tabelle oben ist der Kompass.
- Feine Oberflächenrisse kommen von Alterung durch Ozon und UV. Sie sind kein Sofortfall, aber ein Warnsignal für den Gurtzustand.
- Durchgehende Quer- und Längsrisse sind mechanisch: Fremdkörper, gebrochene Rollen, scharfkantiges Gut. Längsrisse sofort stoppen.
- Faustregel für Querrisse: ab 25 Prozent der Bandbreite von der Kante her wird aus dem Flicken ein Ausschnitt mit neuer Verbindung.
- Kleine Risse und Einstiche lassen sich mit Kaltvulkanisation oder mechanischen Reparaturverbindern überbrücken, das ist eine Brücke, keine Dauerlösung.
- Der teuerste Gurt ist der, der altert, ohne gelaufen zu sein. Kühl, trocken, abgedeckt und fern von Ozonquellen lagern.
- Kehrt ein Riss an derselben Stelle wieder, steht die Ursache noch. Aufgabe, Fremdkörper und Bandlauf prüfen, bevor Sie erneut kleben.
Häufige Fragen
Was bedeuten feine Oberflächenrisse im Gurt (Ozonrisse)?
Sie sind ein Zeichen von Alterung. Ozon erhöht den Säuregehalt an der Gummioberfläche und greift die Molekularstruktur an, UV-Licht beschleunigt die Oxidation. Das Ergebnis ist ein feines, netzartiges Rissmuster, begleitet von nachlassender Zugfestigkeit. In der Deckplatte allein sind solche Risse selten ein Sofortfall, aber sie sagen Ihnen, dass der Gummi spröde wird. Häufig beginnt das schon bei falscher Lagerung, nicht erst im Betrieb.
Ab wann ist ein Riss im Fördergurt gefährlich?
Sobald er die Deckplatte verlässt und die Karkasse, also den Zugträger, erreicht. Ein Riss in der obersten Gummischicht ist Verschleiß, ein Riss in der Karkasse ist ein Statikproblem. Als objektives Kriterium für Querrisse gilt: Reicht der Riss von der Kante über 25 Prozent der Bandbreite oder mehr, ist er dringend und nicht mehr durch Flicken zu beheben. Ein wachsender Längsriss gehört zum sofortigen Stopp, weil er mit jeder Umdrehung länger wird.
Kann man Risse reparieren oder muss der Gurt getauscht werden?
Das hängt von Größe und Lage ab. Kleine Einstiche und kurze, saubere Risse lassen sich mit Kaltvulkanisation oder mechanischen Rissreparaturverbindern stabilisieren, letztere nach Herstellerangabe für Banddicken bis rund 30 Millimeter. Solche Reparaturen sind eine Brücke bis zur geplanten Instandsetzung. Ein Querriss über 25 Prozent der Bandbreite oder ein bis in die Karkasse durchgehender Schaden ist ein Fall für Ausschnitt und Neuverbindung oder für den Tausch.
Was ist der Unterschied zwischen Längsriss und Querriss?
Der Querriss läuft rechtwinklig zur Laufrichtung, meist von einer Kante ins Band, und wird ab einer gewissen Ausdehnung zum Fall für die neue Naht. Der Längsriss läuft in Laufrichtung und entsteht typischerweise durch einen eingeklemmten Fremdkörper, der in die Karkasse eindringt. Er ist besonders tückisch, weil er auf einen Schlag große Gurtlängen zerstören kann und mit jeder Runde wächst, solange das Band läuft.
Wie lagere ich einen Ersatzgurt richtig, damit er nicht vorzeitig altert?
Kühl, trocken, dunkel und abgedeckt, in Anlehnung an ISO 5285 bei rund 15 Grad und höchstens 25 Grad. Nie aufrecht in der prallen Sonne im Hof. Halten Sie den Gurt fern von Ozonquellen wie bestimmten Leuchtstoff- und Quecksilberdampflampen, Hochfrequenzmaschinen oder elektrischen Funken. War der Gurt Minusgraden ausgesetzt, lagern Sie ihn vor der Verarbeitung mindestens 24 Stunden bei über 10 Grad zwischen, damit er seine Elastizität zurückgewinnt.
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